(K)eine Weihnachtsgeschichte
Eigentlich wollte ich jetzt, so kurz vor Weihnachten, eine tansanische Weihnachtsgeschichte schreiben. Oder sonst etwas weihnachtliches aus dem Land.
Aus aktuellem Anlass habe ich mich aber anders entschieden. Vielleicht auch, weil es mir im Moment recht schwer fällt, mit Blick auf Bananenbäume, Palmen und bei angenehm warmen bis unerträglich heißen Temperaturen, in Weihnachtsstimmung zu kommen...
Aber vielleicht gelingt es mir ja doch noch, eine Weihnachtsgeschichte (vor Weihnachten) zu schreiben.
Diese Geschichte jedoch handelt von einer Reise. Einer Reise voller Überraschungen, Gefahren und unerwarteter Zwischenstops.
Wer jetzt auf einen Bericht unserer Wanderung nach Matema hofft, den muss ich leider noch etwas vertrösten.
Diese Geschichte handelt von einer Zugfahrt.
***
Es ist Mittwoch, der 17.12.2009, 12 Uhr. Wir, das heißt Felix, einer der beiden Freiwilligen an der Pandahill Secondarz School in der Nähe Mbeyas und ich, treffen uns am Bahnhof in Mbeya zu einer gemütlichen Zugfahrt nach Dar-es-Salaam.
Gemütlich mussten wir es uns dann aber erst einmal am Bahnhof machen.
Leichter gesagt, als getan. Die Wartehalle des Bahnhofes ist überfüllt mit Menschen jeglichen Alters und Geschlechts.
In der einen Ecke weint ein kleiner Junge, in der anderen zetert eine alte Frau und dazwischen gackert ein verstörtes Huhn aus seiner Plastiktüte. Jeder freie Zwischenraum ist ausgefüllt mit Koffern, Taschen, Paketen, Kartoffelsäcken, Plastiktüten und allem anderem, indem sich Gepäck transportieren lässt.
Wir ziehen uns unter das Bahnhofsvordach zurück, unter dem es auf Grund des einsezenden Regens bald auch voll und kuschelig warm wird.
Wir warten.
Offiziell hat der Zug 4 Stunden Verspätung. Praktisch wird es dann doch halb 10 abends bis er kommt. Er ist dann also „nur“ 8 ½ Stunden zu spät – und wir mit unserer hochgelobten deutschen Pünktlichkeit kommen natürlich auch noch eine Stunde vor der regulären Abfahrtszeit. Sicherheitshalber.
Die Western Methode: warten auf den Zug
Nach einer Stunde warten am Bahnhof kommt ein Zug, der große Aufregung in der Wartehalle verbreitet. Zumindest, bis auch dem letzten klar ist, dass der Zug aus der falschen Richtung kommt. Dieser kommt aus Dar-es-Salaam und fährt nach Zambia. Oder auch nicht. Zumindest jetzt noch nicht.
Dummerweise gibt es auf der ganzen Strecke nur ein Gleis. Würde dieser Zug jetzt weiterfahren, würden sich dir beiden Züge sicher niemals ihren Bestimmungsort erreichen.
So musste der Zug aus Dar warten, bis unser Zug aus Zambia kommt. In Mbeya gibt es nämlich ein Ausweichgleis...
Wäre doch auch mal eine Idee für die deutsche Bahn: Wie mache ich aus einem verspäteten Zug zwei? Auserdem lassen sich dabei Unmengen Gleismaterial einsparen...
Wir warten noch immer.
Inzwischen haben wir zwei
Schweizer Urlauberinnen getroffen, die uns auch interessante Dinge erzählen: Auf ihrer Fahrkarte steht als „Reporting Time“ 14:30 Uhr. (Offiziell, das heißt, so steht es auf jedem Plan und auch auf unserer Fahrkarte, ist Reporting Time um 13:00 Uhr!)
Beim weiteren Vergleich unserer Fahrkaten fällt uns auf, dass wir eine Platznummer haben. Die Schweizerinnen nicht. Es stellt sich heraus, dass die beiden auf keiner Liste auftauchen. Offiziell haben sie nie gebucht. Die bezahlten Fahrkarten haben sie aber trotzdem. Ein Bahnbeamter erklärt uns das offensichtliche: „Someone must have done a mistake.“
Das haben wir auch bemerkt. Ist aber nicht weiter schlimm. Mit der tansanischen Gelassenheit klärt sich das Problem noch innerhalb einer Stunde und praktischer Weise noch bevor der Zug eintrifft...
Endlich kommt der Zug.
Am Ausgang der Wartehalle werden die Fahrkarten kontrolliert. Oder besser: zwei machtlose Männer versuchen, die Menschen einzeln aus der Wartehalle zu lotsen und die Fahrkarten zu kontrollieren. Aber in der Halle wird so gedrängelt, geschoben und gedrückt, dass ich schon Angst bekomme, die kleineren Kinder werden nieder getrampelt. Fahrkarten werden nur wenige kontrolliert.
Wir sind praktischer Weise schon vorher um das Gebäude herum gegangen und werden gar nicht kontrolliert.
Wir laufen den Zug entlang immer weiter nach hinten und finden auch tatsächlich unser Abteil. Hier spielt sich eine dramatische Szene ab: eine ältere Frau wird nicht in den Zug gelassen. Sie hat kein Ticket. Und sie kann es überhaupt nicht verstehen, dass sie nicht in den Zug gelassen wird. Deshalb wirft sie sich gegen den Bahnbeamten, der vor der Tür die Tickets kontrolliert. Und irgendwann gelingt es ihr tatsächlich, in den Zug zu gelangen. Was jetzt passiert ist interessant: Es passiert nichts! Vorerst zumindest. Was später passiert ist, kann ich nicht sagen.
Wir landen in der „Super Seater“-Klasse. Eigentlich wie im Reisebus. Immer zwei Sitze mit verstellbaren (teilweise, je nach Glück bei der Platznummerauslosung) Rückenlehnen. Meine ist immer in der absolut flachsten Position. Immerhin. Wäre schlimmer, wenn ich in aufrechter Sitzposition die ganze Reise verbringen müsste.
Wir fahren los. Ca. 300 Meter weit. Dann stehen wir wieder. Vermutlich, weil der Zug länger ist als der Bahnsteig. Jetzt steigt die erste Klasse ein.
Aber dann auf einmal geht es wirklich los.
Wir lassen die Lichter der Stadt Mbeya hinter uns und es wird draußen schwarz. Wir kommen nur selten an einem Lichtpunkt durch und dicke Wolken verdecken die Sicht auf den Himmel. Vor unserem Fenster beginnt 100% absolute Dunkelheit. Ab und zu durchbricht ein Feuerschein die Schwärze oder der Schein eines der seltenen elektrifizierten Dörfer an unserer Strecke.
Wir beschließen etwas zu essen und dann zu schlafen.
Nächster Morgen.
Meine Rückenlehne wackelt. Mehr als die schlechten Gleise verursachen können. Und dann redet mir eine Aufgeregte Stimme direkt ins Ohr. Ich verstehe nur, dass es um „simba“ geht, den Löwen. (Nicht der Simba aus dem König der Löwen, sondern den richtigen. Simba ist das Swahili-Wort für Löwe.)
Ich drehe mich verschlafen um. Hinter uns sitzen zwei junge Männer, die in einer Mischung aus traditionellen Masaai und „modernen“ Kleidern stecken. Eigentlich sitzt nur einer. Der andere lehnt sich teilweise über seinen Kumpanen und teilweise über meine Lehne, um aus dem Fenster sehen zu können. Ich schaue auch raus. Und sehe eine bergige Graslandschaft, mit wenigen krummen Bäumen und Büschen. Scheinbar sind wir noch im Hochland. Hier gibt es, vermute ich, keinen Löwen. Und wenn wird er sich nicht neben die Bahngleise legen, um die Morgensonne im Vorbeirattern des lärmenden Zuges zu genießen.
Der Zug rattert im Moment besonders gemächlich dahin.
Naja, jetzt bin ich schon einmal wach, da kann ich ja auch etwas sinnvolles tun. Ich schaue auf die Uhr. Erster Fehler. Es ist 5 vor 6. Das heißt die Sonne ist gerade erst aufgegangen. Wir sind schon über 8 Stunden unterwegs.
Ich will es genau wissen und werfe mein GPS-Gerät an. Zweiter Fehler. Die Peilung auf Mbeya ergibt 204,3 km Luftlinie. In 8 Stunden! Macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von stolzen 8km/h... An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass wir im Expresszug, der auf dieser Strecke verkehrt, sitzen.
Der Morgen geht ja gut los...
Da sich Landschaftlich nicht viel tut, lese ich im Reiseführer etwas über die Bahnstrecke nach: „Die TAZARA ist eine Kooperation zwischen Tansania und Zambia (Tanzania-Zambia Railway).“ - Soviel weiß ich schon.
„Die Strecke wurde in den 70er Jahren von den Chinesen finanziert und gebaut.“ - Und seit dem wahrscheinlich nicht mehr ausgebessert... Es Schwankt wie auf einem Schiff bei starkem Seegang.
Und der Hammer: „Die erste Klasse ist auf der Strecke zwischen Mbeya und Dar-es-Salaam so gut wie nie ausgebucht.“ - Deswegen sitzen wir jetzt auch „freiwillig“ in der 2 ½ten Klasse... Die erste Klasse ist bis nach Weihnachten ausgebucht. Auch bei nur zwei Fahrttagen die Woche ist das etwas viel für „so gut wie nie“...
Bei Frühstück verändert sich das Bild vor dem Fenster des Speisewagens allmählich: Die Landschaft wird flacher, es ziehen kleine Dörfer aus vorwiegend Lehmhütten und aus den Gleisen gestürzte, verrostete Wagons an uns vorbei. Vor allem sind das aber Güterwagons. Das macht immerhin Hoffnung.
Plötzlich stehen wir wieder. Ein Blick aus dem Fenster zeigt: eine Frau springt aus dem Zug und läuft in Richtung einer kleinen Ansammlung von Hütten. Mitten im Busch. Hier gibt es nichts, keinen Bahnhof, kein zweites Gleis, nichts. Und das nennt sich dann Expresszug...
Im Laufe des Tages wiederholt sich dieses Spiel noch des Öfteren – und verliert bei der atemberaubenden Bewegungsgeschwindigkeit des Zuges sowieso an Bedeutung.
Nach einiger Zeit erreichen wir aber tatsächlich wieder einen Bahnhof. Zumindest etwas, das einem Bahnhof ähnlich sieht.
Hier laufen vor allem Frauen und Kinder am Zug entlang und verkaufen alles, was man für eine Zugfahrt durch den Busch so braucht. Wasser, Früchte, gegrilltes oder sogar ganze Gerichte aus der Plastiktüte, Reis (ungekocht, was soll ich denn damit?!) und Säfte.
Kinder sammeln Plastikflaschen, die sie vor allem von Weißen Fahrgästen bekommen. Die Tansanier werfen die Flaschen einfach aus dem Fenster – auch wenn wir mitten durch einen Nationalpark fahren.
Wir haben unsere 5 Flaschen gesammelt und versuchen, sie jetzt gerecht an die Kinder zu verteilen. Was sie wohl damit machen?
Wir fahren weiter und erreichen schließlich die Nationalparks und Game Reserves (Hier darf im Gegensatz zum Nationalpark gejagt werden.), die wir auf unserer Fahrt streifen.
Hier passiert jetzt endlich auch mal etwas: vor dem Fenster ziehen Herden von Antilopen, kleine Gruppen von Warzenschweinen, Affen, Giraffen und sogar ein kleiner Elefant vorbei. Aber genau hier, wo es etwas zu sehen gibt legt der Zug kontinuierlich an Geschwindigkeit zu. Wir fahren immer Schneller über immer besser werdende Gleise.
Vor dem Fenster ziehen aber nicht nur lebendige, sondern auch viele komplett oder teilweise selektierte Tiere vorbei. Der Zug fährt durch ein Leichenfeld, das er wohl selbst verursacht hat... Ich vermute, dass der Zug schneller wird, um die Parks noch vor Einbruch der Dunkelheit zu verlassen, damit nicht noch mehr Knochen die Gleise einrahmen.
Blickt man über den Tierfriedhof hinweg, findet man eine Landschaft und (lebendige) Tierwelt, für die man, wenn man nicht gerade mit dem Zug unterwegs ist, viele Dollars hätte hinblättern müssen.
Jetzt vergeht die Zeit wie im Flug und ich habe den Ehrgeiz alle Tiere zu finden, die sich irgendwo hinter Büschen und Bäumen verstecken. Und ich freue mich jedes mal, wenn ich die Tiere schon vor der kleinen Gruppe Kinder zwei Sitzreihen vor mir entdeckt habe.
So merke ich gar nicht, dass wir am frühen Abend Dar schon fast erreicht haben.
Als wir Dar dann tatsächlich erreichen, ist es schon wieder fast Nacht (muss hier nicht besonders viel heißen, hier ist ab 7 abends zappenduster).
Nach über 20 Stunden Zugfahrt sind wir endlich am Ziel.
Wir laufen in Richtung des Ausgangs des TAZARA Bahnhofes. Plötzlich stellen wir fest, dass sich neben uns zwei lange Schlangen gebildet haben, die irgendwo anzustehen scheinen. Wir reihen uns ein und müssen unsere Fahrkarten nochmals einem übel launigen Polizisten am Ausgang zeigen.
Was wohl mit der Frau passiert ist, die sich ohne Fahrkarte in den Zug gekämpft hat?
***
Das war die Geschichte meines kleinen TAZARA-“Abenteuers“.
Jetzt bleibt mir nur noch, euch frohe Weihnachten und einen guten Rutsch zu wünschen – oder, um es auf Swahili zu sagen:
Heri ya krismasi na mwaka mpya!
Aus aktuellem Anlass habe ich mich aber anders entschieden. Vielleicht auch, weil es mir im Moment recht schwer fällt, mit Blick auf Bananenbäume, Palmen und bei angenehm warmen bis unerträglich heißen Temperaturen, in Weihnachtsstimmung zu kommen...
Aber vielleicht gelingt es mir ja doch noch, eine Weihnachtsgeschichte (vor Weihnachten) zu schreiben.
Diese Geschichte jedoch handelt von einer Reise. Einer Reise voller Überraschungen, Gefahren und unerwarteter Zwischenstops.
Wer jetzt auf einen Bericht unserer Wanderung nach Matema hofft, den muss ich leider noch etwas vertrösten.
Diese Geschichte handelt von einer Zugfahrt.
Es ist Mittwoch, der 17.12.2009, 12 Uhr. Wir, das heißt Felix, einer der beiden Freiwilligen an der Pandahill Secondarz School in der Nähe Mbeyas und ich, treffen uns am Bahnhof in Mbeya zu einer gemütlichen Zugfahrt nach Dar-es-Salaam.
Gemütlich mussten wir es uns dann aber erst einmal am Bahnhof machen.
Leichter gesagt, als getan. Die Wartehalle des Bahnhofes ist überfüllt mit Menschen jeglichen Alters und Geschlechts.
In der einen Ecke weint ein kleiner Junge, in der anderen zetert eine alte Frau und dazwischen gackert ein verstörtes Huhn aus seiner Plastiktüte. Jeder freie Zwischenraum ist ausgefüllt mit Koffern, Taschen, Paketen, Kartoffelsäcken, Plastiktüten und allem anderem, indem sich Gepäck transportieren lässt.
Wir ziehen uns unter das Bahnhofsvordach zurück, unter dem es auf Grund des einsezenden Regens bald auch voll und kuschelig warm wird.
Wir warten.
Offiziell hat der Zug 4 Stunden Verspätung. Praktisch wird es dann doch halb 10 abends bis er kommt. Er ist dann also „nur“ 8 ½ Stunden zu spät – und wir mit unserer hochgelobten deutschen Pünktlichkeit kommen natürlich auch noch eine Stunde vor der regulären Abfahrtszeit. Sicherheitshalber.
Die Western Methode: warten auf den Zug
Nach einer Stunde warten am Bahnhof kommt ein Zug, der große Aufregung in der Wartehalle verbreitet. Zumindest, bis auch dem letzten klar ist, dass der Zug aus der falschen Richtung kommt. Dieser kommt aus Dar-es-Salaam und fährt nach Zambia. Oder auch nicht. Zumindest jetzt noch nicht.
Dummerweise gibt es auf der ganzen Strecke nur ein Gleis. Würde dieser Zug jetzt weiterfahren, würden sich dir beiden Züge sicher niemals ihren Bestimmungsort erreichen.
So musste der Zug aus Dar warten, bis unser Zug aus Zambia kommt. In Mbeya gibt es nämlich ein Ausweichgleis...
Wäre doch auch mal eine Idee für die deutsche Bahn: Wie mache ich aus einem verspäteten Zug zwei? Auserdem lassen sich dabei Unmengen Gleismaterial einsparen...
Wir warten noch immer.
Inzwischen haben wir zwei
Schweizer Urlauberinnen getroffen, die uns auch interessante Dinge erzählen: Auf ihrer Fahrkarte steht als „Reporting Time“ 14:30 Uhr. (Offiziell, das heißt, so steht es auf jedem Plan und auch auf unserer Fahrkarte, ist Reporting Time um 13:00 Uhr!)
Beim weiteren Vergleich unserer Fahrkaten fällt uns auf, dass wir eine Platznummer haben. Die Schweizerinnen nicht. Es stellt sich heraus, dass die beiden auf keiner Liste auftauchen. Offiziell haben sie nie gebucht. Die bezahlten Fahrkarten haben sie aber trotzdem. Ein Bahnbeamter erklärt uns das offensichtliche: „Someone must have done a mistake.“
Das haben wir auch bemerkt. Ist aber nicht weiter schlimm. Mit der tansanischen Gelassenheit klärt sich das Problem noch innerhalb einer Stunde und praktischer Weise noch bevor der Zug eintrifft...
Endlich kommt der Zug.
Am Ausgang der Wartehalle werden die Fahrkarten kontrolliert. Oder besser: zwei machtlose Männer versuchen, die Menschen einzeln aus der Wartehalle zu lotsen und die Fahrkarten zu kontrollieren. Aber in der Halle wird so gedrängelt, geschoben und gedrückt, dass ich schon Angst bekomme, die kleineren Kinder werden nieder getrampelt. Fahrkarten werden nur wenige kontrolliert.
Wir sind praktischer Weise schon vorher um das Gebäude herum gegangen und werden gar nicht kontrolliert.
Wir laufen den Zug entlang immer weiter nach hinten und finden auch tatsächlich unser Abteil. Hier spielt sich eine dramatische Szene ab: eine ältere Frau wird nicht in den Zug gelassen. Sie hat kein Ticket. Und sie kann es überhaupt nicht verstehen, dass sie nicht in den Zug gelassen wird. Deshalb wirft sie sich gegen den Bahnbeamten, der vor der Tür die Tickets kontrolliert. Und irgendwann gelingt es ihr tatsächlich, in den Zug zu gelangen. Was jetzt passiert ist interessant: Es passiert nichts! Vorerst zumindest. Was später passiert ist, kann ich nicht sagen.
Wir landen in der „Super Seater“-Klasse. Eigentlich wie im Reisebus. Immer zwei Sitze mit verstellbaren (teilweise, je nach Glück bei der Platznummerauslosung) Rückenlehnen. Meine ist immer in der absolut flachsten Position. Immerhin. Wäre schlimmer, wenn ich in aufrechter Sitzposition die ganze Reise verbringen müsste.
Wir fahren los. Ca. 300 Meter weit. Dann stehen wir wieder. Vermutlich, weil der Zug länger ist als der Bahnsteig. Jetzt steigt die erste Klasse ein.
Aber dann auf einmal geht es wirklich los.
Wir lassen die Lichter der Stadt Mbeya hinter uns und es wird draußen schwarz. Wir kommen nur selten an einem Lichtpunkt durch und dicke Wolken verdecken die Sicht auf den Himmel. Vor unserem Fenster beginnt 100% absolute Dunkelheit. Ab und zu durchbricht ein Feuerschein die Schwärze oder der Schein eines der seltenen elektrifizierten Dörfer an unserer Strecke.
Wir beschließen etwas zu essen und dann zu schlafen.
Nächster Morgen.
Meine Rückenlehne wackelt. Mehr als die schlechten Gleise verursachen können. Und dann redet mir eine Aufgeregte Stimme direkt ins Ohr. Ich verstehe nur, dass es um „simba“ geht, den Löwen. (Nicht der Simba aus dem König der Löwen, sondern den richtigen. Simba ist das Swahili-Wort für Löwe.)
Ich drehe mich verschlafen um. Hinter uns sitzen zwei junge Männer, die in einer Mischung aus traditionellen Masaai und „modernen“ Kleidern stecken. Eigentlich sitzt nur einer. Der andere lehnt sich teilweise über seinen Kumpanen und teilweise über meine Lehne, um aus dem Fenster sehen zu können. Ich schaue auch raus. Und sehe eine bergige Graslandschaft, mit wenigen krummen Bäumen und Büschen. Scheinbar sind wir noch im Hochland. Hier gibt es, vermute ich, keinen Löwen. Und wenn wird er sich nicht neben die Bahngleise legen, um die Morgensonne im Vorbeirattern des lärmenden Zuges zu genießen.
Der Zug rattert im Moment besonders gemächlich dahin.
Naja, jetzt bin ich schon einmal wach, da kann ich ja auch etwas sinnvolles tun. Ich schaue auf die Uhr. Erster Fehler. Es ist 5 vor 6. Das heißt die Sonne ist gerade erst aufgegangen. Wir sind schon über 8 Stunden unterwegs.
Ich will es genau wissen und werfe mein GPS-Gerät an. Zweiter Fehler. Die Peilung auf Mbeya ergibt 204,3 km Luftlinie. In 8 Stunden! Macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von stolzen 8km/h... An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass wir im Expresszug, der auf dieser Strecke verkehrt, sitzen.
Der Morgen geht ja gut los...
Da sich Landschaftlich nicht viel tut, lese ich im Reiseführer etwas über die Bahnstrecke nach: „Die TAZARA ist eine Kooperation zwischen Tansania und Zambia (Tanzania-Zambia Railway).“ - Soviel weiß ich schon.
„Die Strecke wurde in den 70er Jahren von den Chinesen finanziert und gebaut.“ - Und seit dem wahrscheinlich nicht mehr ausgebessert... Es Schwankt wie auf einem Schiff bei starkem Seegang.
Und der Hammer: „Die erste Klasse ist auf der Strecke zwischen Mbeya und Dar-es-Salaam so gut wie nie ausgebucht.“ - Deswegen sitzen wir jetzt auch „freiwillig“ in der 2 ½ten Klasse... Die erste Klasse ist bis nach Weihnachten ausgebucht. Auch bei nur zwei Fahrttagen die Woche ist das etwas viel für „so gut wie nie“...
Bei Frühstück verändert sich das Bild vor dem Fenster des Speisewagens allmählich: Die Landschaft wird flacher, es ziehen kleine Dörfer aus vorwiegend Lehmhütten und aus den Gleisen gestürzte, verrostete Wagons an uns vorbei. Vor allem sind das aber Güterwagons. Das macht immerhin Hoffnung.
Plötzlich stehen wir wieder. Ein Blick aus dem Fenster zeigt: eine Frau springt aus dem Zug und läuft in Richtung einer kleinen Ansammlung von Hütten. Mitten im Busch. Hier gibt es nichts, keinen Bahnhof, kein zweites Gleis, nichts. Und das nennt sich dann Expresszug...
Im Laufe des Tages wiederholt sich dieses Spiel noch des Öfteren – und verliert bei der atemberaubenden Bewegungsgeschwindigkeit des Zuges sowieso an Bedeutung.
Nach einiger Zeit erreichen wir aber tatsächlich wieder einen Bahnhof. Zumindest etwas, das einem Bahnhof ähnlich sieht.
Hier laufen vor allem Frauen und Kinder am Zug entlang und verkaufen alles, was man für eine Zugfahrt durch den Busch so braucht. Wasser, Früchte, gegrilltes oder sogar ganze Gerichte aus der Plastiktüte, Reis (ungekocht, was soll ich denn damit?!) und Säfte.
Kinder sammeln Plastikflaschen, die sie vor allem von Weißen Fahrgästen bekommen. Die Tansanier werfen die Flaschen einfach aus dem Fenster – auch wenn wir mitten durch einen Nationalpark fahren.
Wir haben unsere 5 Flaschen gesammelt und versuchen, sie jetzt gerecht an die Kinder zu verteilen. Was sie wohl damit machen?
Wir fahren weiter und erreichen schließlich die Nationalparks und Game Reserves (Hier darf im Gegensatz zum Nationalpark gejagt werden.), die wir auf unserer Fahrt streifen.
Hier passiert jetzt endlich auch mal etwas: vor dem Fenster ziehen Herden von Antilopen, kleine Gruppen von Warzenschweinen, Affen, Giraffen und sogar ein kleiner Elefant vorbei. Aber genau hier, wo es etwas zu sehen gibt legt der Zug kontinuierlich an Geschwindigkeit zu. Wir fahren immer Schneller über immer besser werdende Gleise.
Vor dem Fenster ziehen aber nicht nur lebendige, sondern auch viele komplett oder teilweise selektierte Tiere vorbei. Der Zug fährt durch ein Leichenfeld, das er wohl selbst verursacht hat... Ich vermute, dass der Zug schneller wird, um die Parks noch vor Einbruch der Dunkelheit zu verlassen, damit nicht noch mehr Knochen die Gleise einrahmen.
Blickt man über den Tierfriedhof hinweg, findet man eine Landschaft und (lebendige) Tierwelt, für die man, wenn man nicht gerade mit dem Zug unterwegs ist, viele Dollars hätte hinblättern müssen.
Jetzt vergeht die Zeit wie im Flug und ich habe den Ehrgeiz alle Tiere zu finden, die sich irgendwo hinter Büschen und Bäumen verstecken. Und ich freue mich jedes mal, wenn ich die Tiere schon vor der kleinen Gruppe Kinder zwei Sitzreihen vor mir entdeckt habe.
So merke ich gar nicht, dass wir am frühen Abend Dar schon fast erreicht haben.
Als wir Dar dann tatsächlich erreichen, ist es schon wieder fast Nacht (muss hier nicht besonders viel heißen, hier ist ab 7 abends zappenduster).
Nach über 20 Stunden Zugfahrt sind wir endlich am Ziel.
Wir laufen in Richtung des Ausgangs des TAZARA Bahnhofes. Plötzlich stellen wir fest, dass sich neben uns zwei lange Schlangen gebildet haben, die irgendwo anzustehen scheinen. Wir reihen uns ein und müssen unsere Fahrkarten nochmals einem übel launigen Polizisten am Ausgang zeigen.
Was wohl mit der Frau passiert ist, die sich ohne Fahrkarte in den Zug gekämpft hat?
Das war die Geschichte meines kleinen TAZARA-“Abenteuers“.
Jetzt bleibt mir nur noch, euch frohe Weihnachten und einen guten Rutsch zu wünschen – oder, um es auf Swahili zu sagen:
Heri ya krismasi na mwaka mpya!
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