Schule
... mit Hindernissen
19.10.2009
Weil die meisten mich fragen, was in der Schule passiert, hier eine Zusammenfassung der letzten Wochen. Ende August haben wir an der Schule angefangen, die wenigste Zeit war aber Unterricht nach Plan. Dominic unterrichtet Form I und IV, ich habe Form II und III übernommen.
Kurz zur Schule selbst: Die Schule besteht eigentlich aus zwei Schulen, der Igawilo Secondary School für die Form (Klasse) I bis IV und der High School für die Form V und VI. Beide Schulen teilen sich aber ein Gebäudekomplex und eine Verwaltung. Sind also eigentlich nicht zu unterscheiden. Nur bei den Ferien- und Prüfungsterminen gibt es Verschiebungen.
Die Schüler müssen – wie für alle weiterführenden Schulen hier in Tansania – Schulgeld bezahlen.
Neben den Schülern, die aus der Umgebung kommen und jeden Morgen anreisen, gibt es auch Schüler, die hier in der Schule in einer Art Internat leben.
Eigentlich sollten einige unserer Schüler – genauer: Form I und Form III – schon Anfang September die Mid-Term Exams schreiben.
Aber das kam alles ganz anders.
Zwei Tage vor Prüfungsbeginn. Montag. Nach der Frühstückspause versammeln sich alle Klassen auf dem Parkplatz vor der Schule. Form I bis Form VI. Über 1000 Schüler.
Punkt 1 auf der Tagesordnung: die Wahl der „Leader“ der Schule.
Während bei uns die Klassensprecher gewählt werden geht es hier um mehr: Jeder Leader hat einen bestimmten klassenübergreifenden Aufgabenbereich. Zum Beispiel gibt es Verantwortliche für die Dormitories (Schlafräume der Schüler die hier in der Schule leben).
Wie die ganz großen in der Politik, so halten auch hier die Schüler eine Rede, um ihre Motivation zu zeigen und „Wahlversprechen“ zu geben. Und – je nachdem – mit Jubel- oder Buh-Rufen der anderen Schüler empfangen zu werden.
Kleiner Zwischenfall bei der Stimmauszählung: Es wurde durch die verantwortlichen Lehrer ein Schüler bestimmt, der die Auszählung überwachen sollte. Aber die anderen Schüler waren mit dieser Wahl nicht zufrieden, wollten einen anderen Beobachter. Oder besser gesagt zwei andere Beobachter. Vor allem die älteren Schüler wehrten sich. „This is not democracy!“
Stimmt.
Ganz Demokratisch lief hier aber auch nichts ab. Man versucht den Schein zu wahren.
Schon die Tage zuvor wurden durch die Lehrerversammlung die meisten der Kandidaten vorbestimmt.
Und auch jetzt gab man dem Verlangen der aufständischen Schüler nicht nach. Es blieb bei einem Beobachter.
Wie demokratisch die Wahl wirklich verlief, kann ich nicht sagen. Ich bezweifle aber, dass ein Kandidat „gewählt“ wurde, gegen den die Lehrer hier etwas hatten. Vielleicht ist dieses System sogar gar nicht so schlecht, um unzuverlässige Schüler von den Ämtern mit viel Verantwortung fernzuhalten. Wichtig ist doch vor allem, dass Schüler mit in die Organisation des Schullebens einbezogen werden, auch wenn man sich (noch?) nicht traut, sich vollständig zu „demokratisieren“.
(Dass ich hier von „den Lehrern“ spreche und uns beide nicht mit einbeziehe liegt daran, dass wir nur Beobachter waren, die ohne die Hilfe eines Übersetzers das Geschehen überhaupt nicht hätten mitverfolgen können.)
Am Ende waren dennoch alle 25 Leader bestimmt. Erkennungszeichen rote Krawatten für die Jungs und weiße Schleifen für die Mädels.
Punkt 2: Ankündigung des Schulleiters: Die einwöchigen Ferien der O-Level-Schüler (Form I bis Form IV – über das Schulsystem werde ich ein andermal schreiben) werden vorverlegt und mit den Prüfungen getauscht.
Ursache waren Überschneidungen mit den Prüfungen der A-Levels und ein Mangel an Prüfungsräumen.
Die Jubelschreie der Schüler wollten kaum mehr aufhören.
Während die „Kleinen“ also in den Ferien waren, mussten die „Großen“ ran. Prüfungen für A-Level (Form V und VI).
Da jeder Lehrer (und jetzt zähle ich uns wieder dazu) für einen Tag als Aufsicht eingeteilt war, wurden auch wir eingeteilt. Aufsicht in der „Assembly Hall“ mit rund 300 Schülern und zwei anderen Lehrern. Zu viert versuchten wir also die Schüler am Abschreiben zu hindern. Und dazu ist den Schülern hier (wie vermutlich überall auf der Welt ;-) ) jedes Mittel recht – klassische Spickzettel, Zettel oder ganze Arbeitsblätter weitergeben (Dumm, wenn man behauptet, der Zettel ist selbst geschrieben (mit Bleistift), man aber keinen Bleistift hat...), leise Gespräche; das volle Programm.
Dass wir selbst vor nicht allzu langer Zeit in Prüfungen saßen, wissen die meisten Schüler hier nicht. Macht uns die Arbeit etwas leichter.
Auf jeden Fall hatten die Schüler Glück gehabt mit ihrer Aufsicht. Wir haben nur geringe Strafen (Zettel wegnehmen und so) für die Abschreiber verhängt. Oft bekommen die Abschreiber hier vor allem von den älteren Lehrergenerationen (verbotener Weise) den Stock zu spüren.
Nach einer Woche dann der fliegende Wechsel: Die A-Level-Schüler gehen ein für einen Monat in ihrer großen Ferien, die O-Levels kommen wieder und schreiben gleich ihre Prüfungen. Unsere ersten eigenen.
Bei den Prüfungen wird das Problem deutlich, dass schon in unseren wenigen vorangegangenen Unterrichtsstunden zu erkennen war. Einige Schüler können nur wenig Englisch, andere waren im Unterricht nur selten anwesend.
Ganz so einfach verliefen aber auch diese Prüfungen nicht. Eigentlich sollte innerhalb einer Woche in jedem Fach eine Prüfung geschrieben werden. Im Endeffekt ging das Ganze aber zwei Wochen.
Da kam noch unerwartet ein Feiertag dazwischen (am Sonntagabend wir im Radio angekündigt, dass Montag Feiertag ist: das Ende des Ramadan).
Der freie Tag war für uns willkommene Gelegenheit, mit einem Teil der Lehrer zu Lake Ngozi zu Wandern (Bericht ist in Arbeit).
Außerdem stand noch die Graduation-Feier der Form IV an, bei der die meisten anderen O-Level-Schüler mit eingespannt waren. Statt 2 Prüfungen wurde dann nur noch eine pro Tag geschrieben. Der Rest des Tages wurde für die Proben genutzt. Schließlich müssen die Auftritte der Schüler perfekt sitzen.
Für den Tag der Graduation hat sich die Schule besonders herausgeputzt. Alles wurde geputzt, Tannennadeln aufgefegt, die Steine, die die Wege begrenzen wurden weiß angemalt und Bananenstauden als Dekoration aufgestellt und mit verschiedenfarbigem Klopapier behängt.
Um das Platzproblem in der Hall zu umgehen (wenn hier eine Klassenstufe Abschluss macht, kommt einiges an Anhang zusammen) durfte jeder Schüler nur einen Elternteil mit zur offiziellen Feier nehmen.
Die Auswirkung davon war interessant: vor der Schule saß der Rest der Familie und wartete auf die Schüler um dort gemeinsam zu picknicken und weiter zu feiern.
Da war was los. Viele Menschen, tolle Stimmung und fast Volksfestatmosphäre durch die Eisverkäufer und fliegenden Händler, die sich diese Einnahmequelle natürlich nicht entgehen lassen konnten.
Die Graduation-Feier selbst verlief mit viel Gesang,
Tänzen, Reden von Schülern, Lehrern und der Schulleitung, akrobatischen Vorführungen und schließlich mit dem großen Finale: der Zeugnisübergabe.
Alles in allem auf jeden Fall eine tolle Feier.
Nach den vielen Verzögerungen, Planänderungen und dem leichten Chaos, das immer und überall zu finden war, ist jetzt wieder Normalität eingekehrt (mehr oder weniger). Immerhin läuft der Unterricht im Moment nach Stundenplan und mach richtig Spaß, auch wenn es noch einige Schwierigkeiten gibt. Das eine Problem ist die Sprache (Offiziell wird in der Schule nur Englisch gesprochen, es gibt sogar ein „Speak English“-Schild. Inoffiziell halten sich die Lehrer nur selten daran und geben viele Anweisungen zweisprachig).
Das andere Problem ist die Klassengröße. Im theoretischen Unterricht kein Problem und meistens auch erstaunlich ruhig, sind um zwischen 60 und 75 Schüler pro Klasse im Praxisunterricht ganz schön schwer unter Kontrolle zu halten. Auf jeden Fall gefällt den Schülern der praktische Unterricht.
Der Gang zum Sicherungskasten am Ende der Stunde ist fast schon Tradition und das einzige Mittel die Schüler vom Computer wieder weg zu bringen.
Kurz zur Schule selbst: Die Schule besteht eigentlich aus zwei Schulen, der Igawilo Secondary School für die Form (Klasse) I bis IV und der High School für die Form V und VI. Beide Schulen teilen sich aber ein Gebäudekomplex und eine Verwaltung. Sind also eigentlich nicht zu unterscheiden. Nur bei den Ferien- und Prüfungsterminen gibt es Verschiebungen.
Die Schüler müssen – wie für alle weiterführenden Schulen hier in Tansania – Schulgeld bezahlen.
Neben den Schülern, die aus der Umgebung kommen und jeden Morgen anreisen, gibt es auch Schüler, die hier in der Schule in einer Art Internat leben.
Eigentlich sollten einige unserer Schüler – genauer: Form I und Form III – schon Anfang September die Mid-Term Exams schreiben.
Aber das kam alles ganz anders.
Zwei Tage vor Prüfungsbeginn. Montag. Nach der Frühstückspause versammeln sich alle Klassen auf dem Parkplatz vor der Schule. Form I bis Form VI. Über 1000 Schüler.
Punkt 1 auf der Tagesordnung: die Wahl der „Leader“ der Schule.
Während bei uns die Klassensprecher gewählt werden geht es hier um mehr: Jeder Leader hat einen bestimmten klassenübergreifenden Aufgabenbereich. Zum Beispiel gibt es Verantwortliche für die Dormitories (Schlafräume der Schüler die hier in der Schule leben).
Wie die ganz großen in der Politik, so halten auch hier die Schüler eine Rede, um ihre Motivation zu zeigen und „Wahlversprechen“ zu geben. Und – je nachdem – mit Jubel- oder Buh-Rufen der anderen Schüler empfangen zu werden.
Kleiner Zwischenfall bei der Stimmauszählung: Es wurde durch die verantwortlichen Lehrer ein Schüler bestimmt, der die Auszählung überwachen sollte. Aber die anderen Schüler waren mit dieser Wahl nicht zufrieden, wollten einen anderen Beobachter. Oder besser gesagt zwei andere Beobachter. Vor allem die älteren Schüler wehrten sich. „This is not democracy!“
Stimmt.
Ganz Demokratisch lief hier aber auch nichts ab. Man versucht den Schein zu wahren.
Schon die Tage zuvor wurden durch die Lehrerversammlung die meisten der Kandidaten vorbestimmt.
Und auch jetzt gab man dem Verlangen der aufständischen Schüler nicht nach. Es blieb bei einem Beobachter.
Wie demokratisch die Wahl wirklich verlief, kann ich nicht sagen. Ich bezweifle aber, dass ein Kandidat „gewählt“ wurde, gegen den die Lehrer hier etwas hatten. Vielleicht ist dieses System sogar gar nicht so schlecht, um unzuverlässige Schüler von den Ämtern mit viel Verantwortung fernzuhalten. Wichtig ist doch vor allem, dass Schüler mit in die Organisation des Schullebens einbezogen werden, auch wenn man sich (noch?) nicht traut, sich vollständig zu „demokratisieren“.
(Dass ich hier von „den Lehrern“ spreche und uns beide nicht mit einbeziehe liegt daran, dass wir nur Beobachter waren, die ohne die Hilfe eines Übersetzers das Geschehen überhaupt nicht hätten mitverfolgen können.)
Am Ende waren dennoch alle 25 Leader bestimmt. Erkennungszeichen rote Krawatten für die Jungs und weiße Schleifen für die Mädels.
Punkt 2: Ankündigung des Schulleiters: Die einwöchigen Ferien der O-Level-Schüler (Form I bis Form IV – über das Schulsystem werde ich ein andermal schreiben) werden vorverlegt und mit den Prüfungen getauscht.
Ursache waren Überschneidungen mit den Prüfungen der A-Levels und ein Mangel an Prüfungsräumen.
Die Jubelschreie der Schüler wollten kaum mehr aufhören.
Während die „Kleinen“ also in den Ferien waren, mussten die „Großen“ ran. Prüfungen für A-Level (Form V und VI).
Da jeder Lehrer (und jetzt zähle ich uns wieder dazu) für einen Tag als Aufsicht eingeteilt war, wurden auch wir eingeteilt. Aufsicht in der „Assembly Hall“ mit rund 300 Schülern und zwei anderen Lehrern. Zu viert versuchten wir also die Schüler am Abschreiben zu hindern. Und dazu ist den Schülern hier (wie vermutlich überall auf der Welt ;-) ) jedes Mittel recht – klassische Spickzettel, Zettel oder ganze Arbeitsblätter weitergeben (Dumm, wenn man behauptet, der Zettel ist selbst geschrieben (mit Bleistift), man aber keinen Bleistift hat...), leise Gespräche; das volle Programm.
Dass wir selbst vor nicht allzu langer Zeit in Prüfungen saßen, wissen die meisten Schüler hier nicht. Macht uns die Arbeit etwas leichter.
Auf jeden Fall hatten die Schüler Glück gehabt mit ihrer Aufsicht. Wir haben nur geringe Strafen (Zettel wegnehmen und so) für die Abschreiber verhängt. Oft bekommen die Abschreiber hier vor allem von den älteren Lehrergenerationen (verbotener Weise) den Stock zu spüren.
Nach einer Woche dann der fliegende Wechsel: Die A-Level-Schüler gehen ein für einen Monat in ihrer großen Ferien, die O-Levels kommen wieder und schreiben gleich ihre Prüfungen. Unsere ersten eigenen.
Bei den Prüfungen wird das Problem deutlich, dass schon in unseren wenigen vorangegangenen Unterrichtsstunden zu erkennen war. Einige Schüler können nur wenig Englisch, andere waren im Unterricht nur selten anwesend.
Ganz so einfach verliefen aber auch diese Prüfungen nicht. Eigentlich sollte innerhalb einer Woche in jedem Fach eine Prüfung geschrieben werden. Im Endeffekt ging das Ganze aber zwei Wochen.
Da kam noch unerwartet ein Feiertag dazwischen (am Sonntagabend wir im Radio angekündigt, dass Montag Feiertag ist: das Ende des Ramadan).
Der freie Tag war für uns willkommene Gelegenheit, mit einem Teil der Lehrer zu Lake Ngozi zu Wandern (Bericht ist in Arbeit).
Außerdem stand noch die Graduation-Feier der Form IV an, bei der die meisten anderen O-Level-Schüler mit eingespannt waren. Statt 2 Prüfungen wurde dann nur noch eine pro Tag geschrieben. Der Rest des Tages wurde für die Proben genutzt. Schließlich müssen die Auftritte der Schüler perfekt sitzen.
Für den Tag der Graduation hat sich die Schule besonders herausgeputzt. Alles wurde geputzt, Tannennadeln aufgefegt, die Steine, die die Wege begrenzen wurden weiß angemalt und Bananenstauden als Dekoration aufgestellt und mit verschiedenfarbigem Klopapier behängt.
Um das Platzproblem in der Hall zu umgehen (wenn hier eine Klassenstufe Abschluss macht, kommt einiges an Anhang zusammen) durfte jeder Schüler nur einen Elternteil mit zur offiziellen Feier nehmen.
Die Auswirkung davon war interessant: vor der Schule saß der Rest der Familie und wartete auf die Schüler um dort gemeinsam zu picknicken und weiter zu feiern.
Da war was los. Viele Menschen, tolle Stimmung und fast Volksfestatmosphäre durch die Eisverkäufer und fliegenden Händler, die sich diese Einnahmequelle natürlich nicht entgehen lassen konnten.
Die Graduation-Feier selbst verlief mit viel Gesang,
Tänzen, Reden von Schülern, Lehrern und der Schulleitung, akrobatischen Vorführungen und schließlich mit dem großen Finale: der Zeugnisübergabe.
Alles in allem auf jeden Fall eine tolle Feier.
Nach den vielen Verzögerungen, Planänderungen und dem leichten Chaos, das immer und überall zu finden war, ist jetzt wieder Normalität eingekehrt (mehr oder weniger). Immerhin läuft der Unterricht im Moment nach Stundenplan und mach richtig Spaß, auch wenn es noch einige Schwierigkeiten gibt. Das eine Problem ist die Sprache (Offiziell wird in der Schule nur Englisch gesprochen, es gibt sogar ein „Speak English“-Schild. Inoffiziell halten sich die Lehrer nur selten daran und geben viele Anweisungen zweisprachig).
Das andere Problem ist die Klassengröße. Im theoretischen Unterricht kein Problem und meistens auch erstaunlich ruhig, sind um zwischen 60 und 75 Schüler pro Klasse im Praxisunterricht ganz schön schwer unter Kontrolle zu halten. Auf jeden Fall gefällt den Schülern der praktische Unterricht.
Der Gang zum Sicherungskasten am Ende der Stunde ist fast schon Tradition und das einzige Mittel die Schüler vom Computer wieder weg zu bringen.
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