Deutschland, oh mein Deutschland
Nilifika Ujerumani
05.09.2010
Die Waage sieht aus wie eine alte Personenwage. Sie zeigt 3 Kilo zu viel an. Die Dame am Schalter lächelt und gibt mir Pass und Ticket. Sie freut sich noch immer, dass wir, vier Freiwillige aus Iringa und Mbeya, Swahili mit ihr reden. Da gibt’s schon mal mehr Kulanz.
Mein Gepäck ist durch, jetzt gibt’s kein zurück mehr – ich komme heim.
Zeitsprung.
Wir sitzen auf dem Dach unseres Hotels und genießen unser (zweit-)letztes tanzanisches Bier. Hier hat vor inzwischen mehr als einem Jahr alles angefangen. Erinnerungen kommen hoch. Der Blick schweift über das Häusermeer von Dar es Salaam. Eine Moschee ist festlich mit Lichterketten geschmückt. Es ist Ramadan. Der Muezzin beginnt sein Gebet in die Nacht zu singen. Unter uns beruhigt sich das Treiben auf den Straßen so langsam. Ein Erdnussverkäufer läuft vorbei und klimpert mit seinen Münzen.
Noch ein kurzes Telefonat mit den Nachfolgern, die inzwischen in Mbeya angekommen sind und dann geht’s auch schon ins Bett. Wer weiß, wie viel Schlaf wir im Flieger kriegen werden.
Kurz vor fünf Uhr morgens. Draußen ist es regnerisch, ungewöhnlich in dieser Jahreszeit. Die Luft steht, trotz Ventilator. Es ist schwül.
Der Muezzin singt das Morgengebet. Mit den üblichen anderthalb Minuten Verspätung stimmt auch sein Kollege von der Nachbar-Moschee ein. Dann noch einer. (Seit wann gibt es drei Muezine (Stimmt mein Muezzin-Plural??) im Viertel?)
Wenig später ist alles wieder still. Ich versuche noch zu schlafen. Die schwüle Luft weiß das zu verhindern. Oder ist es die Aufregung vor dem Flug? Der Abschiedsschmerz? Ich weiß es nicht.
Wir haben alle schlecht geschlafen und sind schon Früh unterwegs...
Letzte Vorbereitungen. Koffer nochmal checken. Hat der Flug Verspätung? Nein, der Anschlussflug hebt sogar eine halbe Stunde früher ab. Weniger Wartezeit in Doha.
Dann: Letztes Frühstück in Tanzania.
Noch einmal was essen, was wir in Deutschland nicht so schnell wieder bekommen werden. Bei mir gibt es unter anderem Calamari Suppe (Wer jetzt denkt, wie zum Teufel kann der das zum Frühstück runterkriegen, dem sei gesagt, dass ich 1. schon so lang wach war, dass das eigentlich mein Mittagessen war und 2. hat super geschmeckt.)
Der Taxifahrer wartet schon. Man(n) kennt sich.
Die Fahrt zum Flughafen scheint ewig zu dauern. Dichter Verkehr.
Dann sind wir da.
Ein kurzer Abschied von unseren Begleitern, andern Freiwilligen aus unserem Jahrgang, die noch etwas bleiben dürfen, und dann schließt sich schon die Tür zum Sicherheitsbereich.
Zurück zum Anfang: Das Gepäck geht einigermaßen problemfrei durch.
Wir machen es uns in der Abflughalle bequem.
Warten.
Das haben wir ja inzwischen alle gelernt.
Boarding, sitze finden, fest gurten, (was soll das denn? Der Schub presst uns in die Sitze und der Vogel hebt ruhig ab. Wir haben in unserem Jahr alle Fahrten er-(/über-?)lebt in Fahrzeugen, in denen Gurte nicht einmal vorgesehen sind.)
Zeitvertreib mit Filmen, Musik und dem erstaunlich guten (und ich glaube das liegt nicht nur am angeblichen Geschmacksverlust mit zunehmender Höhe...) Mittagessen (Vegetarisch Hindu).
Punktlandung in Doha. Ungewohnt Pünktlich. Aber die Airline gehört auch den Arabern. Außerdem habe ich inzwischen festgestellt, dass alles (fast) was mit Tourismus zu tun hat auch Zeit-technisch funktioniert.
Wieder warten auf den Flieger.
Übung macht den Meister.
Alles läuft wieder reibungslos. Mein Entertainment-System in der Rückenlehne meines Vordermannes (= Vorderfrau) funktioniert nicht richtig. Naja. Hält mich immerhin nicht vom Schlafen ab.
Man döst vor sich hin. Der Flug ist wieder äußerst ruhig.
Und nach dem kurzen Frühstück heißt es schon wieder Gurte d'rum und schon geht’s nach unten.
Am Flughafen in Frankfurt, merke ich schnell, dass ich jetzt wieder in Deutschland bin. Alles groß, modern und hektisch.
Die Zollbeamten sind auf Anhieb als Deutsche zu erkennen.
Die Polizei-Beamten nicht.
Die sind ja blau! (also die Uniform)
Da wird der Frosch zum Schlumpf, das war noch anders als ich gegangen bin... (Gut, da haben sie angefangen umzustellen, aber live hatte ich noch keine gesehen...)
Übertrieben freundlich ist keiner, die für uns übertrieben wirkenden tanzanischen Begrüßungsfloskeln fangen schon an, mir ein bisschen zu fehlen... Keiner fragt mich was es neues von der Reise („Habari za safari?“), von der Arbeit („Habari za kazi?“), vom Heute („Habari za leo?“) oder von sonst was gibt.
Aber gut, ein vernuscheltes „morgen“ muss eben reichen.
Alle sind ernst, verschlossen, lächeln scheint aus dem Alltag verbannt.
Auf dem weg zum Flughafen Bahnhof taucht am ende des Ganges eine afrikanische Mama auf, weit weg, aber gut zu erkennen an den farbigen Tüchern, die sie an hat.
Der Zug kommt. Pünktlich.
Er fährt ganz ruhig. Man merkt die Schwellen zwischen den Schienen gar nicht. Aber er ist kalt, fast steril.
Am Fenster zieht vertraute Landschaft vorbei. Vertraut, ungewohnt, anders, unwirklich.
In Offenburg verkündet eine Durchsage, dass der Anschlusszug nach Kenzingen 10 Minuten Verspätung hat.
Ich bekomme einen Gesprächsfetzen eines älteren Mannes mit, der mit seinem Handy telefoniert. Und sich mit – nicht gerade freundlichen Worten – über die Unpünktlichkeit der Bahn beschwert.
Ich denke mir, dass für viele Afrika als Therapie sicher auch nicht schlecht wäre. Was sind schon 10 Minuten?
Eigentlich sollten wir der Bahn dankbar sein, wenn sie uns ein paar Minuten zum Nichts-Tun in der hektischen westlichen Welt schenkt.
Wir sollten uns alle – zumindest ein Stück (10 Minuten sollten doch wohl auch hier drin sein) weit – mit der Haltung anfreunden, dass nicht das Zuspätkommen unhöflich ist, sondern jemandem das Zuspätkommen übel zu nehmen oder gar nicht zu warten. Es wird schon einen Grund geben.
Und wenn es eine Triebwagenstörung ist.
Auf mich hat man gewartet.
In Kenzingen nimmt mich mein Empfangskomitee entgegen. (Danke nochmal!)
Ich bin zu Hause.
Aber was ist Heimat? Ist Heimat dort, wo man sich wohl fühlt? Ich habe mich in Tanzania sehr wohlgefühlt.
Viele Dinge sind dort anders als hier, aber wer kann sich das recht nehmen, zu sagen so, wie die Dinge dort sind, sind sie schlecht(er als hier) oder laufen falsch?
Sie sind anders.
Wäre doch auch Langweilig, wenn nicht...
Wie geht’s jetzt weiter?
Ich werde anfangen zu studieren.
Allerdings habe ich noch viel Schreib- und (für alle Interessierten) Lesestoff mitgebracht, über den ich von Tanzania aus nicht mehr berichten konnte. Ich werde also noch einige Zeit weiter schreiben. Zumindest so wie ich Zeit und Muse finde.
Wer weiter über die Schule lesen will, dem kann ich die Blogs von Michael und Felix ans Herz legen, meinen Nachfolgern.
PS: Ich bin noch immer unter den selben Nummern / Adresse(n) zu erreichen, wie vor meiner Abreise.
Kama kawaida
Mein Gepäck ist durch, jetzt gibt’s kein zurück mehr – ich komme heim.
Zeitsprung.
Wir sitzen auf dem Dach unseres Hotels und genießen unser (zweit-)letztes tanzanisches Bier. Hier hat vor inzwischen mehr als einem Jahr alles angefangen. Erinnerungen kommen hoch. Der Blick schweift über das Häusermeer von Dar es Salaam. Eine Moschee ist festlich mit Lichterketten geschmückt. Es ist Ramadan. Der Muezzin beginnt sein Gebet in die Nacht zu singen. Unter uns beruhigt sich das Treiben auf den Straßen so langsam. Ein Erdnussverkäufer läuft vorbei und klimpert mit seinen Münzen.
Noch ein kurzes Telefonat mit den Nachfolgern, die inzwischen in Mbeya angekommen sind und dann geht’s auch schon ins Bett. Wer weiß, wie viel Schlaf wir im Flieger kriegen werden.
Kurz vor fünf Uhr morgens. Draußen ist es regnerisch, ungewöhnlich in dieser Jahreszeit. Die Luft steht, trotz Ventilator. Es ist schwül.
Der Muezzin singt das Morgengebet. Mit den üblichen anderthalb Minuten Verspätung stimmt auch sein Kollege von der Nachbar-Moschee ein. Dann noch einer. (Seit wann gibt es drei Muezine (Stimmt mein Muezzin-Plural??) im Viertel?)
Wenig später ist alles wieder still. Ich versuche noch zu schlafen. Die schwüle Luft weiß das zu verhindern. Oder ist es die Aufregung vor dem Flug? Der Abschiedsschmerz? Ich weiß es nicht.
Wir haben alle schlecht geschlafen und sind schon Früh unterwegs...
Letzte Vorbereitungen. Koffer nochmal checken. Hat der Flug Verspätung? Nein, der Anschlussflug hebt sogar eine halbe Stunde früher ab. Weniger Wartezeit in Doha.
Dann: Letztes Frühstück in Tanzania.
Noch einmal was essen, was wir in Deutschland nicht so schnell wieder bekommen werden. Bei mir gibt es unter anderem Calamari Suppe (Wer jetzt denkt, wie zum Teufel kann der das zum Frühstück runterkriegen, dem sei gesagt, dass ich 1. schon so lang wach war, dass das eigentlich mein Mittagessen war und 2. hat super geschmeckt.)
Der Taxifahrer wartet schon. Man(n) kennt sich.
Die Fahrt zum Flughafen scheint ewig zu dauern. Dichter Verkehr.
Dann sind wir da.
Ein kurzer Abschied von unseren Begleitern, andern Freiwilligen aus unserem Jahrgang, die noch etwas bleiben dürfen, und dann schließt sich schon die Tür zum Sicherheitsbereich.
Zurück zum Anfang: Das Gepäck geht einigermaßen problemfrei durch.
Wir machen es uns in der Abflughalle bequem.
Warten.
Das haben wir ja inzwischen alle gelernt.
Boarding, sitze finden, fest gurten, (was soll das denn? Der Schub presst uns in die Sitze und der Vogel hebt ruhig ab. Wir haben in unserem Jahr alle Fahrten er-(/über-?)lebt in Fahrzeugen, in denen Gurte nicht einmal vorgesehen sind.)
Zeitvertreib mit Filmen, Musik und dem erstaunlich guten (und ich glaube das liegt nicht nur am angeblichen Geschmacksverlust mit zunehmender Höhe...) Mittagessen (Vegetarisch Hindu).
Punktlandung in Doha. Ungewohnt Pünktlich. Aber die Airline gehört auch den Arabern. Außerdem habe ich inzwischen festgestellt, dass alles (fast) was mit Tourismus zu tun hat auch Zeit-technisch funktioniert.
Wieder warten auf den Flieger.
Übung macht den Meister.
Alles läuft wieder reibungslos. Mein Entertainment-System in der Rückenlehne meines Vordermannes (= Vorderfrau) funktioniert nicht richtig. Naja. Hält mich immerhin nicht vom Schlafen ab.
Man döst vor sich hin. Der Flug ist wieder äußerst ruhig.
Und nach dem kurzen Frühstück heißt es schon wieder Gurte d'rum und schon geht’s nach unten.
Am Flughafen in Frankfurt, merke ich schnell, dass ich jetzt wieder in Deutschland bin. Alles groß, modern und hektisch.
Die Zollbeamten sind auf Anhieb als Deutsche zu erkennen.
Die Polizei-Beamten nicht.
Die sind ja blau! (also die Uniform)
Da wird der Frosch zum Schlumpf, das war noch anders als ich gegangen bin... (Gut, da haben sie angefangen umzustellen, aber live hatte ich noch keine gesehen...)
Übertrieben freundlich ist keiner, die für uns übertrieben wirkenden tanzanischen Begrüßungsfloskeln fangen schon an, mir ein bisschen zu fehlen... Keiner fragt mich was es neues von der Reise („Habari za safari?“), von der Arbeit („Habari za kazi?“), vom Heute („Habari za leo?“) oder von sonst was gibt.
Aber gut, ein vernuscheltes „morgen“ muss eben reichen.
Alle sind ernst, verschlossen, lächeln scheint aus dem Alltag verbannt.
Auf dem weg zum Flughafen Bahnhof taucht am ende des Ganges eine afrikanische Mama auf, weit weg, aber gut zu erkennen an den farbigen Tüchern, die sie an hat.
Der Zug kommt. Pünktlich.
Er fährt ganz ruhig. Man merkt die Schwellen zwischen den Schienen gar nicht. Aber er ist kalt, fast steril.
Am Fenster zieht vertraute Landschaft vorbei. Vertraut, ungewohnt, anders, unwirklich.
In Offenburg verkündet eine Durchsage, dass der Anschlusszug nach Kenzingen 10 Minuten Verspätung hat.
Ich bekomme einen Gesprächsfetzen eines älteren Mannes mit, der mit seinem Handy telefoniert. Und sich mit – nicht gerade freundlichen Worten – über die Unpünktlichkeit der Bahn beschwert.
Ich denke mir, dass für viele Afrika als Therapie sicher auch nicht schlecht wäre. Was sind schon 10 Minuten?
Eigentlich sollten wir der Bahn dankbar sein, wenn sie uns ein paar Minuten zum Nichts-Tun in der hektischen westlichen Welt schenkt.
Wir sollten uns alle – zumindest ein Stück (10 Minuten sollten doch wohl auch hier drin sein) weit – mit der Haltung anfreunden, dass nicht das Zuspätkommen unhöflich ist, sondern jemandem das Zuspätkommen übel zu nehmen oder gar nicht zu warten. Es wird schon einen Grund geben.
Und wenn es eine Triebwagenstörung ist.
Auf mich hat man gewartet.
In Kenzingen nimmt mich mein Empfangskomitee entgegen. (Danke nochmal!)
Ich bin zu Hause.
Aber was ist Heimat? Ist Heimat dort, wo man sich wohl fühlt? Ich habe mich in Tanzania sehr wohlgefühlt.
Viele Dinge sind dort anders als hier, aber wer kann sich das recht nehmen, zu sagen so, wie die Dinge dort sind, sind sie schlecht(er als hier) oder laufen falsch?
Sie sind anders.
Wäre doch auch Langweilig, wenn nicht...
Wie geht’s jetzt weiter?
Ich werde anfangen zu studieren.
Allerdings habe ich noch viel Schreib- und (für alle Interessierten) Lesestoff mitgebracht, über den ich von Tanzania aus nicht mehr berichten konnte. Ich werde also noch einige Zeit weiter schreiben. Zumindest so wie ich Zeit und Muse finde.
Wer weiter über die Schule lesen will, dem kann ich die Blogs von Michael und Felix ans Herz legen, meinen Nachfolgern.
PS: Ich bin noch immer unter den selben Nummern / Adresse(n) zu erreichen, wie vor meiner Abreise.
Kama kawaida
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